Ein etwas anderer Bildungsurlaub in Guatemala

Für meine Magisterarbeit zum Thema „Alphabetisierung in Guatemala“ erhielt ich im vom DAAD ein Stipendium zum Verfassen einer Abschlussarbeit im Ausland. Im Herbst 2004 reiste ich nach Guatemala, um dort ein Alphabetisierungsprojekt für Straßenkinder zu gründen. Ich stellte mich dabei der Aufgabe, ein pädagogisches Bildungsprojekt für Kinder und Jugendliche zu erschaffen, dass es selbst den Straßenkindern ermöglicht - die unter sehr schwierigen Bedingungen leben– ein Grundmaß an Bildung zu erwerben. Ich wollte ihnen Lesen und Schreiben beibringen.

Ein etwas anderer Bildungsurlaub in Guatemala

Guatemala, ein idyllisches Land in Mittelamerika, bekannt für seine reiche Kultur, archäologische Stätten und guten Bananen, hat noch immer eine sehr hohe Analphabetenquote. Der Anteil der indigenen Bevölkerung ist in Guatemala viel höher als in den umliegenden Ländern. Neben Spanisch werden 23 Mayasprachen gesprochen, die Armut ist hoch, und die Kluft zwischen wohlhabenden Bildungsbürgern und der armen, zumeist indigenen Landbevölkerung scheint unüberwindlich. Der Analphabetismus ist in Guatemala ein großes Problem, dem man bisher nicht so recht Herr werden konnte.

Im Land des ewigen Frühlings, wo sich jährliche hunderttausende von Sprachtouristen aus aller Welt im kleinen Städtchen Antigua treffen, um dort Spanisch zu lernen, baute ich also zusammen mit 25 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 19 Jahren, die mit ihren Eltern auf der Strasse leben, in einem Hinterhof das Schulprojekt auf. Die Kinder lernten darin Lesen und Schreiben, ohne unter einem Zwang zu stehen. Die Teilnahme war freiwillig. Wir arbeiteten unter freiem Himmel - genaugenommen neben einer Sanitärbaracke, einer offenen Müllkippe und einem Abwasserkanal – und bestückten den Hinterhof mittels Spendengeldern mit Tischen und Stühlen. Ich bemühte mich vor allem darum, den Kindern Selbstvertrauen zu geben und sie zur aktiven Teilnahme am Unterricht anzuregen.

Ein etwas anderer Bildungsurlaub in Guatemala

Dabei zeigte ich ihnen von Anfang an, dass auch ich eine Lernende am Gesamtprozess war. Um mich unvoreingenommen auf diesen Lernprozess einlassen zu können, hatte ich im Vorfeld keinen Lehrplan erstellt. Ich wollte zunächst einmal sehen, wie sich der Prozess des Lernens von allein entwickeln würde. Das Ergebnis war, dass die meisten meiner Schüler regelmäßig und pünktlich zum Unterricht erschienen. Seitdem erscheint mir ein vorgeschriebener Lehrplan, der die Kreativität der Schüler oft eher bremst, als höchst fragwürdig.

Ein etwas anderer Bildungsurlaub in Guatemala

In dem Innenhof, in dem ich die Kinder unterrichtete, begegnete mir sehr eindringlich ihr Alltag: 75 Menschen sind hier auf engstem Raum untergebracht, davon gut ein Drittel Kinder, die häufig zwischen 8 und 12 Stunden auf der Strasse arbeiten. Ihr Alltag besteht aus Autos waschen, Schuhe putzen und Kunsthandwerk an Touristen verkaufen. Die oberen Schichten schämen sich für den Anblick der Kinder auf den Strassen.

Die Reise nach Guatemala, der intensive Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen, der etwas andere Spanischunterricht im Hinterhof, sowie die Untersuchungen für meine Abschlussarbeit, waren ohne Zweifel sehr bedeutsam für mich und veränderten auch meine Wahrnehmung von unserer eigenen Gesellschaft. Die Erfahrungen, die ich in fast fünf Monaten Straßenalltag in Guatemala sammeln konnte, aber auch die wundervolle Landschaft Guatemalas haben mich zutiefst beeindruckt. Guatemala ist ein Land, dass viel mehr zu bieten hat, als Vulkane und Ruinen, Fiestas und Salsamusik. Es gibt einen riesigen Schatz an kultureller Vielfalt, an Handlungs- und Erlebniswelten in denen man sich selbst erfahren kann. Vielerorts kann man Freiwilligenarbeit leisten, oder selbst initiativ werden.

Ein etwas anderer Bildungsurlaub in Guatemala

Gerade in und um die Kleinstadt Antigua herum findet sich für jeden etwas, und wenn nicht, dann ist man in zwei Stunden am Pazifischen Ozean, wo verlockende schwarze Sandstrände warten. Auch in die Karibik oder den Regenwald schafft man es innerhalb kürzester Zeit: Man steigt einfach in die camionetas, die bunten Busse, die im ganzen Land anzutreffen sind.

Wer Lust hat Guatemala kennen zu lernen, der packe seine Kreditkarte ein (so bekommt man am günstigsten die einheimische Währung Quetzales, die bald durch US-Dollar ersetzt werden soll), sommerliche Kleidung und jede Menge Abenteuerlust.

Meine Arbeit hat Erfolge gezeigt: Einige der Kinder, die wenige Monate zuvor noch völlige Analphabeten gewesen waren, schrieben mir nach meiner Abreise E-Mails nach Deutschland.

Jasmin – Soray Klenke