Kleine Peinlichkeiten - Erlebnisse in Finnland

Nach vier Monaten intensivem Finnischtraining (doch immerhin dreimal die Woche je zwei Stunden), dachte ich, ich könnte mich ja mal an was Interessanteres als das Lehrbuch wagen: ein Asterix und Obelix- Comic. Das ist doch bestimmt nicht zu schwer, sind ja nur Sprechblasen. Sehr motiviert machte ich es mir zur Sicherheit mit Wörterbuch bequem und begann zu lesen...naja, so kann man das nicht nennen, es war mehr Dekodieren als Lesen. Zu meiner Enttäuschung fanden sich auch kaum Wörter im Wörterbuch. Was ist das nur für ein schlechtes Wörterbuch, dass ich so teuer gekauft hatte? Ich war ziemlich sauer.

Frustriert und enttäuscht, dass mein Finnisch wohl noch sehr viel Übung braucht, schleppte ich das Comic zu meiner finnischen Patenfamilie. Hier in Oulu kann man sich als Austauschstudent für ein Programm bewerben, das ausländische Studenten an finnische Familien vermittelt. So bekommt man die Gelegenheit echtes finnisches Familienleben live mitzuerleben und natürlich bei Comic- Leseproblemen Rat zu holen. Meine Patenfamilie hat zwei Kinder, 6 und 8 Jahre alt, die beide leider nur Finnisch sprechen. Gut für mein Finnisch, aber schlecht für die Konversation, die damit meist dank meines sinnlosen, peinlichen Gebrabbels bei wenigen Worten blieb. Ich brachte also mein Comic für die beiden Jungs mit und dachte, dass ich so wenigstens eine gute Sache daraus ziehen könnte, da ich es ja nun schon gekauft hatte. Naja, zu früh gefreut. Meine Patenmutter sah das Comic und versuchte mir, indem sie mich schallend auslachte, ganz sanft beizubringen, dass wohl auch die Jungs es nicht lesen würden. Das Comic war nämlich in einem der schwersten Finnischen Dialekte geschrieben. Was dann natürlich auch erklärte, warum nicht ein Wort in meinem Wörterbuch zu finden war. Plattdeutsche Wörter findet man im Deutschen ja auch kaum im Duden....

Aber an das Gefühl dumm da zu stehen, sollte ich mich schnell gewöhnen. Es kam öfter vor als mir lieb war. In der Mensa wurde mir der Stuhl, den ich für meine Freundin hatte freihalten sollen, weggenommen, weil ich auf gut Glück auf die finnisch Frage eines anderen Mensagängers, den Kopf geschüttelt hatte und angenommen hatte, dass gefragt wurde, ob der Stuhl noch frei sei. Dem war wohl nicht so gewesen. Und es war sehr peinlich in der doch immer recht vollen Mensa den Stuhl zurück zu ergattern.
Die schöne finnische Landschaft
Auch hatte ich gleich in der zweiten Nacht ziemlich dumm dagestanden; nämlich im Pyjama in der Küche meines Appartements. Und zwar gibt es hier Knöpfe in den Türen am Schloss, die nach oben geschoben, die Tür von Außen verschließen. Man kann sie dann nur von Innen öffnen. Ist der Knopf unten, kann man die Tür von beiden Seiten öffnen, aber nicht abschließen. Natürlich ist mein Knopf in der Tür nach oben geschoben gewesen und ich konnte nach einem nächtlichen Gang nicht mehr in mein Zimmer, da ich mich ausgeschlossen hatte. Nachdem ich meine restlichen Mitbewohner, die nur müde lächelten, aufgeweckt hatte, wurde der Schlüsseldienst gerufen. Dieser lachte nicht nur schallend am Telefon, sondern winkte auch beim Reinkommen schelmisch grinsend mit dem Universalschlüssel. Und dafür wollte er dann auch noch bezahlt werden...sowas!

Wintersport ist in Finnland eine große Sache, besonders in Nordfinnland. Alle fahren auf Skitrips in nahe gelegene Skiorte zum Skifahren oder Snowboarden. Ich war natürlich, obwohl völlig unerfahren auf dem Gebiet, trotzdem mit von der Partie. Die Anderen beteuerten, dass es ganz einfach sei, und wir einfach alle snowboarden würden, denn da wären alle Anfänger. Ich war also ganz schön aufgeregt, als ich mit meinem Board an den Füßen im Lift saß. Wie ich es da hinein geschafft hatte, war allerdings weder glorreich, noch gekonnt. Nachdem sie den Lift für mich angehalten hatten, war es gar nicht mehr so schwer einzusteigen. Was ich vergessen hatte, war dass man ja auch wieder raus muss und das ziemlich hoch oben und ziemlich schnell. Ich plumpste mehr aus dem Lift als das ich fuhr und konnte mich gerade noch ducken, bevor der nächste Lift an meinem Kopf vorbeizog. Krabbelnd näherte ich mich der Abfahrt. Was jetzt? Meine Freunde, die alle erfahrene Skiläufer waren, standen schon auf den Brettern und riefen mir nur zu, sie würden mich unten treffen. Naja, ganz so einfach war das für mich als absolutes Greenhorn natürlich nicht und nachdem ich ein paar Mal dem Tod von der Schippe springen konnte und genug Bäume umarmt hatte, entschied ich mich für die sicherste Methode: Laufen! Als ich ohne mein Snowboard endlich unten ankamen, hatte die anderen was zu Lachen. Meine Snowboard war mir auf dem letzten Rest abgehauen und allein ins Tal geschliddert, wo es nun meine Freunde für mich bereit hielten. Es hat mich jede Menge Überwindung gekostet und jede Menge blaue Flecken gab es gratis dazu.
Mirja beim Snowboard fahren
Inzwischen stehe ich aber nicht mehr ganz so dumm da..........dafür gab es ja noch genug andere Gelegenheiten. Meine Patenfamilie wollte mir nach meinem Snowbaord- Exkurs unbedingt mal Skilanglauf zeigen. Es lief auch wunderbar, so dass wir die lange Route von 6 km einschlugen. Ich war schon ganz stolz, bis wir zu einer Brücke kamen. „Bloß nicht fallen!“, sagte meine Patenmutter aufmunternd und ich wagte mich auf die sehr, sehr schmale Brücke. Dahinter stieg eine Böschung recht steil an und natürlich war das für mich nicht zu meistern. Bevor ich mich versah, rutschte ich rückwärts den Hang wieder runter, direkt auf die Brücke, beziehungsweise den Fluss darunter zu. Da ich nicht im kalten Wasser landen wollte, ließ ich mich gekonnt auf meinen Hintern fallen. Das konnte ich ja nun schon vom Snowboarden. Leider war die Brücke so schmal, dass ich, die absolut unerfahren mit Skiern ist, nicht aufstehen konnte und über die Brücke krabbeln musste. Am Ende schnallte ich die Skier ab und stapfte recht genervt unter dem lauten Gelächter meiner ganzen Patenfamilie den Hang hoch.

Und wer gedacht hat, dass es im Sommer dann mit diesen ganzen kleinen Peinlichkeiten vorbei ist, hat sich zu früh gefreut. Irgendwer wird schon auf die Idee kommen, die verstaubten Rollerblades wieder auszupacken und Rollschuh laufen zu gehen. Hier in Oulu gibt es nette Wege, von sehr guter Qualität. Sie haben einige Unterfühungen unter den Hauptverkehrsstraßen durch. Wer noch nie so richtig bremsen konnte – wie die meisten und ich - macht beim Runterrollen in die Unterführungen, mit vor Angst verzerrtem Gesicht bei enormer Geschwindigkeit eine sehr eigenartige Figur. Aber das kennt man ja als Austauschstudent schon. Und irgendwie...wann bekommt man schon mal eine Chance ein ganzes Jahr lauter neue Dinge auszuprobieren?
In diesem Sinne, nähdään!

Von Mirja Krause