Europäischer Freiwilligendienst bei Amnesty International in Brüssel

Was macht man sechs Monate lang als Europäische Freiwillige im Büro von Amnesty International in Brüssel? Nun, man könnte zum Beispiel diverse ausgefeilte Techniken entwickeln, um Briefe zu falten und Päckchen zu verschicken. Man könnte aber auch tiefe Freundschaften mit dem Kopierer und dem Tacker schließen. Aber was macht man als Europäische Freiwillige im Sektor Bougies (Übersetzt Kerzen) zur Zeit der berühmten "Campagne Bougies" (Übersetz. Kerzenkampagne)? Ganz einfach! Man beschäftigt sich mit Kerzen! Um genauer zu sein: mit "Amnesty-Kerzen".

Sprachreise nach Brüssel, vor der BörseMan fährt ins Kerzenlager und holt dort Kerzen ab, man packt Kerzen in Kerzenkartons und nimmt Kerzenbestellungen an. Man telefoniert mit Lehrern, die Kerzen in ihrer Schule verkaufen möchten. Man selbst verkauft Kerzen am Bahnhof, im Finanzministerium oder am Eingang der Kantine einer großen Bank. Und am Ende der Kerzenkampagne fährt man die restlichen Kerzen abholen, sortiert die Kerzen wieder nach Farben und fängt an, diese Kerzen zu lieben.

Wenn man dazu noch so nette und verrückte Kollegen hat, erwartet man den Montag voller Ungeduld und bleibt Freitagabends noch länger, um den Kerzen-Verkaufs-Erfolg der Woche zu feiern. Und was hört man abends nach langen Kerzen-Arbeitstagen? „Alles klar mit den Kerzen?“, war der Lieblingssatz meiner Freunde.

Das mit ihnen genossene belgische Bier in einer Bar mit Gratis-Erdnüssen, die leckere „Pflichtwaffel“ jedes Stadtbummels, das Rennen nach der letzten Metro in der europäischen Hauptstadt ohne Nachtlinien, unsere Crêpes-Abende und natürlich der Satz “Alles klar mit den Kerzen?“ - das alles vermisse ich nun zurück in Deutschland!Sprachreise nach Brüssel, das Waffelauto!
Und was habe ich gelernt in den 189 Tagen, die ich in Belgien gelebt habe? Ich weiß jetzt, dass nicht alle Belgier jeden Tag Pommes Frites essen. Ich kenne alle Farben der Kerzen auf Flämisch und Französisch. Ich weiß genau, welche Fernsehgestalten meine Kollegen vergötterten als sie 15 Jahre alt waren. Ich kann „Schlumpf“ auf Ungarisch sagen und habe viele nützliche Ausdrücke auf Italienisch gelernt. Ich liebe Chicorée und Jupiler (belgisches Bier).

Und ich habe noch einmal erfahren, dass es im Leben Momente gibt, in denen man von Leuten, die man lieb gewonnen hat und die einem nun vertraut sind, Abschied nehmen muss. Aber ich weiß auch, dass man immer diejenigen wieder sieht, die einem am wichtigsten sind.

Über die Autorin: Eva war während ihres Europäischer Freiwilligendienst bei Amnesty International Belgique Francophone in Brüssel von September 2002 bis Ende Februar 2003.